Mango auf Mallorca


von H. Wegner

„Da sind nur Kegelclubs, Fußballclubs, Volleyballclubs und der selbsternannte König von Mallorca tanzt auf den Rändern vom Rieseneimer voller Sangria Mango.“ Meine Freundin stieß düstere Prophezeiungen
angesichts unserer Pläne aus, einen ganzen Sommer auf der Baleareninsel zu verbringen. Ich grinste.

„Mango“, sagte ich, „ist eine Frucht. Wenn, dann tanzt er Mambo. Ohnehin fahren wir dahin, wo unter einem üppigen Sternenhimmel die Kastagnetten klappern.“ „Das gibt es dort nicht mehr. Wenn du dir Romantik und Idylle pur versprichst, dann wirst du auf die Nase fallen.“

Ich wusste es besser. Mein Lebensgefährte und ich hatten in unterschiedlichen Quellen gestöbert und dabei wunderschöne Ferienwohnungen gefunden, kleine Appartements und Luxusvillen. Entschieden hatten wir uns ganz spontan für ein Ferienhaus auf dem Land an der Ostküste zwischen Portocolom und Porto Cristo. Das versprach Individualurlaub. Zwei Schlafzimmer, ein Bad, ein Wohn-Ess-Bereich und ein
großer Garten mit vielen Bäumen und einem Pool sollte für acht Wochen unsere Heimat im Ausland sein, um die deutsche Blässe von der Haut zu vertreiben , geleistete Überstunden abzubauen  und Ruhe inmitten mediterraner Vegetation zu finden. Im Gepäck befanden sich ein Kochbuch mit Beschreibungen typischer Gerichte  sowie ein Spanisch-Lehrbuch mit CD, mit dem wir über ein halbes Jahr ausführlich die Grundbergriffe der Sprache gelernt hatten (O-Ton meiner Freundin: „Völlig vertane Zeit. 

Auf Mallorca sind Deutsch und Englisch die Landessprache.
Wie gesagt: Ich wußte es besser.

Wir fühlten uns allseits gerüstet, als wir von Dortmund in die Inselhauptstadt Palma de Mallorca flogen. Zwei kurze Stunden, Landung, Mietwagen, Fahrt Richtung Möbelstadt Manacor. Oliven, Mandeln, Feigen und zwei schläfrige Katzen begrüßten uns auf der langen Zufahrt zu unserem Landhaus mit Blick auf’s Mittelmeer von der Dachterrasse. 100 Jahre alte Steinmauern, am Eingang umrankt von rosa blühenden Bougainvillas, der Pool mit bunten Mosaiksteinen umrandet, eine Holzbank vor Hibiskusbüschen: Wir fühlten uns gleich heimisch und packten aus. Den ersten Abend verbrachten wir bei einer Flasche Rioja-Wein, Ziegenkäse und spanischem Brot am Pool. Unter Sternenhimmel.

Nur die Kastagnetten fehlten noch. Die lokale Wochenzeitschrift für diesen Teil der Ostküste schuf schnell Abhilfe. Nach einem Besuch des sonntäglichen Marktes in Porto Cristo, einem Bad in der idyllischen Bucht „Cala Anguila“ und einem köstlichen Fischessen in einem Strand-Restaurant in der benachbarten „Cala Romantica“ machten wir uns gegen 22 Uhr Richtung Porto Colom auf. „Fiesta de verano“, Sommerfest, Musik und gute Laune hatte ich gelesen und richtig übersetzt. Der „Placa es Corso“, umgeben von Bars, verwandelte sich an diesem Sonntagabend in eine Stätte für eine spanische Fiesta, wie ich sie so noch nie erlebt hatte. Wenige Touristen, viele Mallorquiner, Tango statt Mango: Wir waren angekommen.

Blauer Himmel, das Badezeug im Rucksack: Im Laufe der restlichen 29Tage im Juli erkundeten wir Mallorca. In Pollensa, hoch im Norden, machten wir uns an den Aufstieg auf den Kalvarienberg. 365 Stufen, 34 Grad, ein Liter Wasser pro Person: Die Mühe wurde mit einem wunderschönen Blick auf das alte Örtchen belohnt. Im Hafen, dem „Puerto de Pollensa“, legten sich die Segelboote in den Wind. Das Tramuntana-Gebirge, das hier anfängt und sich vom Norden bis in den Westen erstreckt, flößte mir Respekt ein. Mächtigen Respekt. Auf der Inselkarte hatte ich argwöhnisch die kurvenreichen Straßen begutachtet, ließ mich aber letztendlich von meinem Lebensgefährten zu einer Bergtour überreden. Wir genossen die felsige Landschaft Richtung Cap Formentor, den äußersten Zipfel im Nordosten von Mallorca. Die Fahrt zum Kloster Lluc über Pollensa belohnte uns mit wunderschönen Ausblicken auf das Mittelmeer. Wir begrüßten „La Moreneta“, die schwarze Madonnen-Statue, die in dem Gotteshaus mit seiner byzantinischen Anmut zur Andacht einlädt. Kultur und alte Bräuche, so hatten wir längst gelernt, sind und bleiben Bestandteil der mallorquinischen Tradition – trotz Ballermann und aller Unkenrufe meiner Freundin zum Trotz.

Genug Berge und Serpentinen für einen Tag: Strandleben war angesagt. Richtung Süden ging es zum Es-Trenc, der in allen Reiseführern als paradiesische Bucht bezeichnet wird und seinem Namen alle Ehre macht. In Campos besuchten wir den Wochenmarkt mit Trödel (immer samstags), badeten in Colonia de San Jordi, aßen Paella in Santanyi und hielten danach Siesta in der Cala Llombards.

Nach dieser Auszeit nahmen wir die nächste Bergtour in Angriff. Irgendwie gelangten wir über üppige Serpentinen inmitten von Schluchten und Felsen nach Puerto de Soller, Deiá, Valldemossa und Banyalbufar – ich schloss zwischendurch die Augen, denn teils geht es steil abwärts. Die nächsten Tage verbrachten wir auf ebenem Gelände. Nur gut eine halbe Stunde ist es zum „geografischen Mittelpunkt“ von Mallorca, in das kleine Örtchen Sineu, das, so viel ist sicher, bereits zu Zeiten der Römer existierte. Mittwochs ist dort Wochenmarkt und Viehmarkt und Trödelmarkt und das ganze Dorf auf den Beinen.

Unsere mallorquinischen Nachbarn, im wahrsten Sinne des Wortes ursprüngliche, gastfreundliche Andalusier und seit 42 Jahren auf Mallorca, hatten wir längst kennen gelernt. Und damit die rege Produktion von Gerichten, die der Garten hergibt. Ballermann – das war Paco und Maria kein Begriff. Balneario 6? Nie gehört. Das sympathische Rentnerehepaar lebt sein Leben lokal: Patronatsfeste in Manacor und Son Maciá, Prozessionen zum Dreikönigstag und zu Ostern. Den Ballermann kennen sie nicht, denn in der Umgebung gibt es genug Feste, die schlichtweg ein Muss sind, ausgiebig gefeiert zu werden.

Freitagabend, 21 Uhr: Wir machten uns auf den Weg in Richtung „König von Mallorca“. Playa de Palma. Ellenlanger Strand. Restaurants. Bars. Schinkenstraße. Bierkönig. Tatsächlich wird hier gefeiert, was das Zeug hält. Happy Hour, zwei Wodka-Limon oder Whisky-Cola zum Preis von einem: Dafür ist die Party-Meile bekannt. Nicht umsonst ist diese Destination immer sehr beliebt bei Veranstaltern für Jugendreisen in Spanien. Ich konnte es mir nicht verkneifen, meine Freundin per Mitteilung auf’s Handy mit wesentlichen Informationen zu versorgen: „Kellner sprechen alle Deutsch, König tanzt Mango. Gruß aus Malle.“

Postwendend kam die Antwort: „Na, was habe ich dir gesagt!!!!“

Mallorca hat viele Seiten, ideal auch für Familien-Reisen. Als wir wieder zu Hause waren, buchten wir sofort Dortmund-Palma für die Weihnachtstage und Ostern. Dieselbe Finca mit den Bougainvillas, unter denen die Katzen schlafen. Und dann leben und erleben wir ein Stück Mallorca - ganz lokal.


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